Wien wird Waterloo – nicht Córdoba

DER EM-EINWURF

Wien wird Waterloo – nicht Córdoba

(http://www.abendblatt.de/)

Das große Motto in Österreich lautet dieser Tage: „Wien wird Córdoba!“ Der Geruch der öffentlichen Verkehrsmittel dort hat schon eine südamerikanische Note, stimmt. Aber auch wenn man es kaum glauben mag: Sie meinen es tatsächlich fußballerisch. Sie wollen es machen wie damals und die großen, arroganten Deutschen schlagen. Gott bewahre! Das wird nichts heute. Ich bin höchstpersönlich in Österreich gewesen in der vergangenen Woche. Und ich kann nur sagen: Pustekuchen! Keine Angst, die haben es nicht drauf.

Das geht schon beim veranstaltenden Verband los. Der nennt sich ÖFB – klingt nicht nach Fußball. Eher nach öffentlichem Nahverkehr. Nach Busfahrern und Fahrkartenabknipsern. Vor denen müssen wir wohl kaum zittern. Und feiern können die auch nicht. Wisst ihr, wie die in Wien ihre Fanmeile nennen? Fan-Zone! Klingt nach DDR. Und genauso gut ist die Stimmung. Die Einheimischen kommen nicht. Denen ist das Bier zu teuer. Die wollen wohl noch ein Begrüssungsgeld. Ja, liebe Ösis, so wird das nichts mit dem eigenen Sommermärchen!

Ich, als Dalai Lama der deutschen Unterhaltungsbranche, versuchte dennoch, positiv Einfluss zu nehmen. Habe die Eingeborenen in jeder Hinsicht ausgehalten. Und ihnen Mut zugesprochen. Ich wies darauf hin, dass sich bei uns in Deutschland die Feierlaune bei der WM auch erst allmählich entwickelt habe. Das hätte mehr als eine Woche gedauert. „Ja!“, sagten sie daraufhin, „kann schon sein. Aber so viel Zeit haben wir nicht. Dann sind wir schon ausgeschieden!“ Auch wieder wahr.

Apropos Ausscheidungen: Was ist das bitte für eine Fanmeile, in der man ohne Probleme jederzeit überall Bier holen und aufs Klo gehen kann? Da kommt doch keine Stimmung auf! Im Gegenteil: Man fühlt sich deplatziert. Quasi wie ein Österreicher auf einem Fußballplatz.

„Wien wird Córdoba!“ Es ist der Wahnsinn: Für die Alpenrepublikaner ist dieses eine Spiel vor dreißig Jahren so wichtig wie für uns das Grundgesetz und Franz Beckenbauer zusammen. Ihre Nationalmannschaft, die damals – zugegebenermaßen nicht unverdient – pomadige Deutsche vom Platz kugelte, bestimmt die gesamte ballsportliche Landschaft im Land. Die „Deitschen“ geschlagen zu haben – das scheint in Österreich offenbar ein ehrenwerter Beruf zu sein: „Hansi“ Krankl kommentiert und singt auf jeder Bühne. „Hicke“ Hickersberger ist Nationaltrainer. „Schneckerl“ Prohaska kommentiert fürs Fernsehen: Graues, zurückgegeltes Haar, grauer Anzug, graue Zähne – ich bekam nachts im Salzburger Hotelzimmer vor dem Bildschirm richtig Angst, dass er gleich aus dem Gerät steigt und mich holen kommt. „Ey, Jederrrrrmannnn …!“ Buha! dem Bildschirm richtig Angst, dass er gleich aus dem Gerät steigt und mich holen kommt. „Ey, Jederrrrrmannnn …!“ Buha!

Córdoba, Córdoba, Córdoba.

Warum haben die eigentlich so eine große Rechnung offen mit uns? Die übliche Vergangenheitsbewältigung kann nicht der Grund sein für diese Rachegelüste. Mit der Geschichte scheinen sie viel lockerer umzugehen als wir.

Immerhin nennen sie auf der Homepage des ÖFB als größten sportlichen Erfolg „ihrer“ Nationalelf: die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Berlin. 1936. Ups! Nun, das ist sicherlich kein Erfolg, auf den man stolz sein könnte. Das ist überhaupt kein Erfolg. Und schon gar kein sportlicher. Ich kapiere es nicht.

Ich freue mich einfach. Auf meinen Auftritt heute auf der einzig wahren Fanmeile – der Hamburger. Und auf das Spiel. Für uns geht es ja auch nicht um so viel wie für die Österreicher. Wir sind ja ganz entspannt. Schlimmstenfalls scheiden wir aus. Die österreichische Elf dagegen spielt um Leben und Tod.

Und bereitet sich aufs Schlimmste vor: Ihr Mannschaftsarzt, der Professor Doktor Ernst Schopp, arbeitet hauptberuflich als Sport-Traumatologe. Nun, heute Abend werden sie ihn bestimmt brauchen.

Denn Wien wird ihr Waterloo.

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